Wenn Gehorsam tötet: Gewalt, Entmenschlichung und deutsche Verantwortung

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  1. Die stille Komplizenschaft

Die Bilder aus Gaza erschüttern die Welt. Und doch scheint das globale Entsetzen begrenzt, die diplomatische Kritik gezügelt, die deutsche Waffenunterstützung ungebrochen. Woran liegt es, dass systematische Gewalt gegen eine Zivilbevölkerung legitimiert, verharmlost oder ignoriert wird? Wie kommt es, dass demokratische Gesellschaften nicht nur schweigen, sondern einen Staat militärischer Gewaltherrschaft mit Waffen beliefern? Und was macht diese Gewalt mit denen, die sie ausüben – oder dulden?

  1. Entmenschlichung als politisches Werkzeug

Israels Finanzminister Bezalel Smotrich erklärte im August 2024, eine Auslöschung des Gazastreifens könne „moralisch gerechtfertigt“ sein, solange Geiseln nicht zurückgebracht würden. Journalisten wie Shimon Riklin sekundierten: „Wenn ich keine Häuser in Gaza einstürzen sehe, kann ich nicht schlafen“.

Der Gazastreifen wird zur Projektionsfläche einer kollektiven Strafphantasie: ethnische Umsiedlung als „humanitäre Lösung“, Versorgung mit Nahrung und Wasser nur unter Vorbedingungen, systematische Schuldumkehr. Diese Aussagen offenbaren nicht nur politische Kalküle, sondern auch psychologische Tiefenschichten.

  1. Gehorsam als psychische Struktur

Arno Gruen beschrieb in seinem Werk „Wider den Gehorsam“ die destruktive Kraft von autoritärer Erziehung und empathieloser Sozialisation. Wer als Kind unter elterlicher Gewalt sein Selbst verleugnen musste, sucht später Zuflucht im Gehorsam gegenüber der Macht. Gewalt gegen andere wird zum Mittel, das eigene verdrängte Leiden zu bewältigen. Oder, um es mit Arno Grün zu sagen

„Gehorsam ist aus diesem Grunde nie einfach nur blinder, kritikloser Gehorsam, sondern stets eine geballte Dynamik von Gefühlen und Identitätsstrukturen, die der Entfremdung des Menschen von sich selbst dienen.“

So erklärt sich auch die emotionale Kälte jener, die – wie Ben-Gvir oder Smotrich – den Tod von Zivilisten mit süffisanter Verachtung kommentieren. Der Hass auf das Fremde ist immer auch der Hass auf das Eigene, das früh unterdrückt wurde.

  1. Die humanitäre Katastrophe in Gaza (Stand 21. Mai 2025)

Die Lage der Kinder in Gaza am Ende des Monat Mai ist katastrophal. Laut UNICEF, WHO und WFP leidet die gesamte Bevölkerung an akuter Ernährungsunsicherheit, wie es in unaufgeregtem Technokraten-Deutsch heißt. Rund 470.000 Menschen befinden sich bereits auf der höchsten Hungerstufe (IPC Phase 5). Über 93 % der Kinder (ca. 930.000 Minderjährige) sind vom Hungertod bedroht.

UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher warnte am 13. Mai im UN-Sicherheitsrat, bis zu 14.000 Babys könnten innerhalb von 48 Stunden sterben, wenn keine Hilfe erfolgt.


Die Ursachen:

  • eine seit dem 2. März andauernde Totalblockade der Zugänge durch Israel,
  • gezielte Zerstörung der Infrastruktur,
  • militärische Zugangsbeschränkungen,
  • politische Einflussnahme auf die Verteilung von Hilfe.

Internationale Hilfsorganisationen sprechen von einer systematischen Obstruktion. UNICEF-Direktorin Catherine Russell formulierte unmissverständlich: „Mit jedem weiteren Tag der Blockade wächst für die Kinder in Gaza das Risiko von Verhungern, Krankheit und Tod – nichts kann dies rechtfertigen.“

  • Deutschlands Rolle: Rüstung trotz Warnung

Trotz dieser Lage liefert Deutschland weiter Waffen an Israel. U-Boote, Drohnen, Munition – genehmigt vom Bundessicherheitsrat, der unter Bundeskanzler Friedrich Merz die letzten humanitären Auflagen für Waffenexporte aufhob.

Bereits unter Olaf Scholz wurden 2023 Waffen im Wert von über 300 Millionen Euro geliefert, darunter Kriegswaffen. Die Begründung lautet seit Jahren: Israels Sicherheit sei deutsche Staatsräson.

„Wir haben Waffen geliefert, und wir werden Waffen liefern.“ (Olaf Scholz)

Doch wofür? Wenn dieselben Waffen in einem Krieg eingesetzt werden, in dem „Gaza als Sodom“ von der Zeitung Israel Hayom und seine Bevölkerung als „üble Sünder“ beschrieben werden[1], dann wird der moralische Zusammenbruch nicht nur sichtbar – er wird exportiert.

  • Repression in Deutschland: Schweigen erzwingen

Wer sich in Deutschland kritisch zu dieser Realität äußert, gerät zunehmend unter Druck. Besonders betroffen: jüdische, israelische oder zivilgesellschaftliche Stimmen, die sich gegen die Gleichsetzung von Antisemitismus und Kritik an Israels Politik wenden.

Die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ wurde 2019 die Gemeinnützigkeit entzogen. Die Musikerin Nirit Sommerfeld wurde von Auftritten ausgeladen, weil sie Israels Vorgehen gegen Palästinenser kritisierte. In mehreren Fällen verloren Akademiker:innen ihre Lehraufträge oder wurden von Konferenzen ausgeschlossen.

Kern dieser repressiven Praxis ist die politische Instrumentalisierung der IHRA-Definition von Antisemitismus. Wer Israels Verhalten im Gazakrieg kritisiert, läuft Gefahr, als Antisemit gebrandmarkt zu werden. Diese Gleichsetzung wird von Regierung, Parteien und geförderten Stiftungen mitgetragen und reproduziert, während gleichzeitig Menschenrechtsverbrechen unkommentiert bleiben.

  • Was fehlt: Die Rückeroberung des Mitgefühls

Was in Deutschland fehlt, ist eine tiefere Reflexion über die psychologischen Voraussetzungen autoritärer Gewalt. Gruens Werk legt offen, dass „die Verleugnung des eigenen Mitgefühls“ eine Kultur der Gewalt erzeugt.

„Der Hass auf Andere ist immer der Hass auf das Eigene, das man aus Gehorsam aufgeben musste.“ sagt er in seinem Buch „Wider den Gehorsam“ Diese Selbstentfremdung prägt auch politische Diskurse. Wer Waffen liefert, ohne deren Einsatz kritisch zu hinterfragen, verschweigt die Empathie – und ersetzt sie durch Funktionalität.

  • Vom Mut zur Empathie

Gruen zufolge gibt es einen Ausweg – aber er verlangt Mut: zum Mitgefühl, zur Offenheit, zur Konfrontation mit der eigenen Geschichte.

„Eine bessere Welt wird sichtbar, wenn der verblendete Gehorsam aufgebrochen wird und sich in echte zwischenmenschliche Empathie verwandelt.“

Deutschland muss entscheiden: Will es weiterhin die Rüstung einer Politik beliefern, die mit zynischer Kälte tausende Kinderleben auslöscht – oder sich wieder als humanitäre Stimme verstehen, die das Völkerrecht nicht nur beschwört, sondern auch schützt?


[1] Die Bewohner des Gazastreifens sind keine unglücklichen und bemitleidenswerten Opfer des Krieges, die aus den Ruinen gerettet und ihnen durch eine einvernehmliche Umsiedlung Hoffnung und eine Zukunft anderswo gegeben werden müssen. Im Gegenteil: Gaza ist das moderne Sodom, und viele seiner Männer, Frauen und Kinder sind „böse Sünder“. Würde unser Vorfahr Abraham für einen Moment zurückkehren und einen Dialog mit Gott über Gaza führen, ähnlich wie in seiner biblischen Rede über Sodom, würde es ihm schwerfallen, sich auch nur für die Bewohner dieses modernen Sodom einzusetzen.
https://www.israelhayom.com/2025/02/20/no-innocent-civilians-why-gazans-have-earned-their-transfer/#:~:text=The%20Gazans%20are%20not%20unfortunate,residents%20of%20this%20modern%20Sodom

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